Man kann sich einen freien Donnerstagabend vorstellen. Drei Filme klingen möglich, aber keiner ist selbstverständlich. Die Entscheidung betrifft nicht nur den Titel. Sie betrifft die Anfahrt, den Preis, die Uhrzeit und die Frage, mit wem der Abend geteilt wird. Das ist ein Denkbild, kein Erlebnisbericht. Es beschreibt eine kleine Auswahlentscheidung, die im Alltag oft vor dem Kino fällt.
Der Film wird nicht erst auf der Leinwand zum Ereignis. Schon bevor das Licht ausgeht, hat jemand entschieden, welchen Vorschlag er weitergibt und welchem Haus er zutraut, daraus einen guten Abend zu machen. In dieser Entscheidung steckt eine kulturelle Leistung, die leicht übersehen wird: Orientierung.
Die Zahlen des deutschen Kinomarkts sehen zunächst nach einer Erholung aus. 2025 wurden 91,9 Millionen Tickets verkauft, 2,1 Prozent mehr als im Vorjahr. In einer anderen Erhebung schätzt die Filmförderungsanstalt, dass 23,4 Millionen Menschen mindestens einmal im Kino waren. Das waren acht Prozent mehr Personen als 2024; der Anteil der Bevölkerung stieg von 29 auf 31 Prozent. Zugleich sank die durchschnittliche Besuchshäufigkeit leicht auf 3,8 Tickets pro Kinogast.
Diese Werte erzählen nicht dieselbe Geschichte. Ein Ticket ist ein Besuch, eine Person kann mehrere Tickets kaufen. Die Zahl der erreichten Menschen stieg, während die Besuchsintensität leicht zurückging. Das Kino hat 2025 mehr Menschen erreicht, aber daraus folgt nicht, dass alle häufiger kommen oder dieselben Gründe dafür haben.
Ein Ort, der eine Auswahl trifft
Bei Programmkinos fiel der Ticketzuwachs stärker aus. Die FFA zählt für 2025 13,7 Millionen verkaufte Tickets, fünf Prozent mehr als im Jahr zuvor. 2024 waren es 13,1 Millionen. Der Gesamtmarkt kam auf ein Plus von gut zwei Prozent. Das ist ein bemerkenswerter Vergleich, aber kein Beweis dafür, dass Programmgestaltung allein die Entwicklung verursacht hat.
Eine im September 2026 vorgestellte FFA-Untersuchung fragt, was einen Film heute „kinowürdig“ macht. Sie beruht auf Interviews mit Besucherinnen und Nichtbesuchern, Gesprächen mit Fachleuten, Fokusgruppen in Deutschland und Frankreich sowie einer kleinen ergänzenden Befragung. Die FFA berichtet, 45 Prozent des Programmkino-Publikums hätten die Filmauswahl als Grund für ihre Kinowahl genannt. Bei Nicht-Programmkinos waren es 22 Prozent.
Das ist ein Hinweis, keine Volkszählung. Die ergänzende Befragung umfasste 57 Konsumentinnen und Konsumenten. Der gemischte Forschungsansatz kann Motive und mögliche Unterschiede sichtbar machen. Er erlaubt keine präzise Aussage darüber, was alle Menschen in Deutschland vom Kino erwarten. Und selbst wenn Auswahl wichtig ist, zeigt die Untersuchung nicht, dass sie den Ticketzuwachs verursacht hat.
Trotz dieser Grenze passt der Befund zu einer Alltagserfahrung, die sich ohne große Theorie erklären lässt. Eine unüberschaubare Auswahl kann anstrengend sein. Ein Haus, das Filme in Reihen ordnet, einen kurzen Grund für die Programmierung nennt oder ein Gespräch nach der Vorstellung ermöglicht, nimmt einen Teil der Sucharbeit ab. Eine begründete Buchempfehlung funktioniert ähnlich: Sie ersetzt die eigene Entscheidung nicht, aber sie macht ihren Ausgangspunkt erkennbar.
Kuration ist dabei mehr als eine Liste. Sie braucht Arbeit: Filme ansehen, zusammenstellen, einen Rahmen wählen, einen verständlichen Hinweis schreiben. Die Werkstatt hinter einem guten Ruf erinnert daran, dass ein verlässlicher Eindruck nicht nur aus einem Namen entsteht. Er muss sich in wiederholbarer Arbeit zeigen. Beim Kino kann diese Arbeit darin bestehen, eine Auswahl zu begründen, ohne vorzugeben, allen dasselbe Erlebnis zu garantieren.
| Bereich | Tickets 2024 | Tickets 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Gesamtmarkt | 90,1 Millionen | 91,9 Millionen | +2,1 % |
| Programmkinos | 13,1 Millionen | 13,7 Millionen | +5 % |
Die beiden Reihen beschreiben Ticketverkäufe, nicht die Zahl der Häuser oder Leinwände. Für die Bestandszählung hat die FFA 2025 ihre Methodik umgestellt. Diese Angaben lassen sich daher nicht ohne Weiteres mit früheren Jahren vergleichen. Der Ticketvergleich ist in der FFA-Auswertung dagegen ausgewiesen.
Gemeinsam im Saal, aber nicht automatisch verbunden
Ein Kinosaal bringt Menschen für eine begrenzte Zeit an denselben Ort. Das kann eine seltene Form gemeinsamer Aufmerksamkeit sein. Ein Lachen, eine Pause oder ein irritierendes Ende wird zunächst von mehreren Menschen gleichzeitig erlebt. Anschließend ist etwas da, worüber man sprechen kann.
Das bedeutet nicht, dass aus jedem Saal ein Gespräch entsteht. Gemeinsam auf eine Leinwand zu sehen ist ein Anfang, keine Garantie für Nähe. Wer allein kommt, kann den Film genauso ernst nehmen. Wer zu zweit kommt, muss nach der Vorstellung nicht derselben Meinung sein. Eine kleine Öffentlichkeit entsteht nicht allein dadurch, dass ein Raum gefüllt ist. Sie braucht auch die Möglichkeit, etwas zu sagen, nachzufragen oder dem Vorschlag zu widersprechen.
Auch die Wahl selbst bleibt an Bedingungen gebunden. Ein später Vorstellungsbeginn hilft wenig, wenn der Heimweg unsicher oder der Nahverkehr knapp ist. Ein besonderes Programm wird nicht zugänglich, wenn Ticketpreise oder Stufen Menschen ausschließen. Die neue FFA-Untersuchung nennt Aufwand, Zeit, Kosten und die Flexibilität des Zuhauses als Gründe, die in die Entscheidung hineinspielen. Kuration kann Orientierung geben. Sie beseitigt diese Hürden nicht.
Darum überzeugt die Vorstellung vom Kino als Erlebnisort nur, wenn „Erlebnis“ nicht zur Pflichtübung wird. Nicht jede Vorstellung braucht einen prominenten Gast, eine Verkostung oder ein zusätzliches Event. Für manche Filme ist gerade die Ruhe des dunklen Saals der Grund zu kommen. Für andere ist die Einordnung vor oder nach dem Film wichtig. Ein guter Ort muss erkennen, wann er etwas hinzufügen sollte und wann er den Film für sich sprechen lässt.
Eine lokale Geschichte wird nicht von selbst nah
Die FFA stellt auch die Wahrnehmung lokaler Produktionen in den Mittelpunkt. Im ersten Halbjahr 2026 entfielen rund 38 Prozent der Tickets in Programmkinos auf deutsche Filme, gegenüber etwa 25 Prozent in anderen Kinos. Das sind Halbjahreswerte aus unterschiedlichen Kinosegmenten. Sie erklären nicht allein, warum jemand eine bestimmte Vorstellung besucht.
Ein Film aus der eigenen Region ist nicht automatisch verständlich oder interessant, nur weil seine Handlung in der Nähe spielt. Nähe muss erzählt werden. Ein Hinweis kann zeigen, was an einem Ort, einem Dialekt oder einer Erinnerung in der Geschichte steckt. Eine Übersetzung in einen neuen Zusammenhang kann eine Idee zugänglich machen, ohne ihre Eigenheiten zu glätten. Auch eine lokale Produktion braucht diesen Schritt.
Programmkino und lokaler Film sind deshalb keine Gegensätze zu großen Veröffentlichungen. Sie zeigen eher, dass die Filmauswahl verschiedene Arten des Sehens sichtbar machen kann. Ein populärer Titel kann ein gemeinsamer Gesprächsstoff sein. Ein kleinerer Film kann eine Erfahrung präziser in Worte bringen. Welche Form trägt, hängt vom Film und vom Publikum ab. Die Arbeit des Kinos besteht nicht darin, eine dieser Formen moralisch aufzuwerten, sondern eine begründete Begegnung möglich zu machen.
Vor dem nächsten Kinobesuch steht oft eine kurze Frage: Wozu soll ich heute das Haus verlassen? Eine gute Antwort muss nicht groß klingen. Sie kann in einem sorgfältig gewählten Film liegen, in einer verständlichen Empfehlung oder in der Aussicht, für zwei Stunden dieselbe Geschichte mit anderen zu teilen. Der Saal macht daraus noch kein Gespräch. Aber jemand hat den ersten Vorschlag gemacht, und jemand anderes konnte ihn annehmen.
Quellen
- Filmförderungsanstalt (FFA), `Programmkinos und das Publikum von Arthouse-Filmen 2025`, veröffentlicht am 14. September 2026; Ticketzahlen und Hinweise zur geänderten Erhebung des Kinobestands.
- Filmförderungsanstalt (FFA), Norina Lin-Hi und Susanne Aleixo, `Vom Film zum Kinoerlebnis – Besuchsmotive und die Wahrnehmung lokaler Produktionen`, Präsentation auf der Filmkunstmesse Leipzig, 16. September 2026; exploratives Studiendesign, Besuchsmotive und Wahrnehmung deutscher Produktionen.
- Filmförderungsanstalt (FFA), `Kino muss heute mehr sein als ein Abspielort`, Pressemitteilung vom 16. September 2026; Zusammenfassung der Mehrmethodenstudie und der Filmauswahl als Besuchsgrund.
- Filmförderungsanstalt (FFA), `Kinobesucher*innen 2025 – Strukturen und Entwicklungen auf Basis des YouGov-Panels`, Mai 2026; Reichweite, Häufigkeit und Altersstruktur des Kinopublikums.
- Filmförderungsanstalt (FFA), `Gutes Kinojahr 2025 dank deutscher Filme`, Pressemitteilung vom 11. Februar 2026; Gesamtmarkt und Marktanteil deutscher Filme.
- Filmförderungsanstalt (FFA), `FFA-Kinobilanz für das erste Halbjahr 2026`, Pressemitteilung vom 24. August 2026; Marktanteil deutscher Filme nach Kinosegment.
