Ein Abschlussbericht kann in einem Satz an eine politische Stelle weitergereicht werden. Für die Menschen, die ihn erarbeitet haben, beginnt damit eine andere Frage: Wer prüft die Vorschläge, und woran lässt sich später erkennen, dass sie geprüft wurden?

Der Bürgerrat Klima von 2021 brachte 160 zufällig ausgewählte Menschen aus ganz Deutschland zusammen. Über mehr als 50 Stunden diskutierten sie, hörten Fachvorträge und entwickelten Empfehlungen. Das Bürgergutachten wurde übergeben. Eine solche Übergabe ist ein sichtbarer Schlussstrich unter die Sitzungen. Sie ist noch kein sichtbarer Anfang für die nächste Entscheidung.

Am 14. Oktober erschien eine vergleichende Studie zu sechs Klima-Bürgerräten in Westeuropa. Sie fragt, wie ambitioniert die Empfehlungen gegenüber der damaligen Regierungspolitik waren und ob sie politische Entscheidungen beeinflussten. Die Antworten fallen auseinander: Viele Vorschläge gingen über den bestehenden Kurs hinaus. Nur in wenigen Fällen konnten die Forschenden eine konkrete Entscheidung auf die Versammlung zurückführen.

Ambition ist noch kein Einfluss

Die Studie wertet 488 Empfehlungen aus fünf nationalen und einem regionalen Bürgerrat aus. Für die Einschätzung vergleichen die Forschenden jeden Vorschlag mit der damaligen Politik. „Ambitionierter“ bedeutet hier: Die Empfehlung verlangt eine neue Maßnahme oder eine Ausweitung beziehungsweise Verschärfung bestehender Politik. Das ist kein Urteil darüber, wie viel CO₂ eine Maßnahme einsparen würde oder ob sie sich umsetzen lässt.

Balkenbild zu den 488 Empfehlungen: 67 Prozent ambitionierter, 27 Prozent ähnlich ambitioniert und 6 Prozent nicht sicher einstufbar.
Wie ambitioniert die Empfehlungen im Vergleich zur damaligen Regierungspolitik waren
Relative Ambition der 488 untersuchten Empfehlungen
Einstufung gegenüber der damaligen PolitikEmpfehlungenAnteil
Ambitionierter32767 %
Ähnlich ambitioniert13327 %
Datenlage nicht ausreichend286 %

Keine Empfehlung wurde klar als weniger ambitioniert eingestuft. Das Bild ist eindrücklich, aber es beantwortet eine andere Frage als die nach dem politischen Weg danach. Ein Vorschlag kann ambitioniert sein und trotzdem an fehlender Zuständigkeit, einem unpassenden Zeitpunkt oder einer Regierung ohne Auftrag zur Weiterarbeit enden.

Was zählt als Einfluss?

Die Forschenden stützen sich auf mehr als 400 Dokumente und Daten von 74 Fachleuten. Sie vergleichen nicht einfach Formulierungen und erklären ähnliche Sätze dann zu einem Erfolg. Sie fragen, ob eine politische Entscheidung ohne den Bürgerrat wahrscheinlich anders ausgefallen wäre. Das ist ein anspruchsvollerer Maßstab als zeitliche Übereinstimmung. Es bleibt eine Rekonstruktion aus Akten, Interviews, Umfragen und dem Wissen über die jeweiligen politischen Prozesse.

Nach diesem Maßstab schreibt die Studie 51 Empfehlungen kausalen Einfluss auf politische Entscheidungen zu. Frankreich stellt davon 48. In Österreich war es eine Empfehlung, in Berlin waren es zwei. In Deutschland, Schottland und dem Vereinigten Königreich ließ sich keine Empfehlung bis zu einer politischen Entscheidung zurückverfolgen. Für weitere 62 Empfehlungen war die Beweislage widersprüchlich oder nicht ausreichend. Das sind Fälle hoher Unsicherheit, keine verdeckten Nullbefunde.

Empfehlungen, denen die Studie kausalen Entscheidungseinfluss zuschreibt
BürgerratEmpfehlungen mit Entscheidungseinfluss laut Studie
Frankreich48 (33 %)
Österreich1 (1 %)
Berlin2 (4 %)
Deutschland0
Schottland0
Vereinigtes Königreich0

Ein solcher Nullwert bedeutet nicht, dass niemand von einer Versammlung hörte, etwas lernte oder ein Thema in einer Debatte auftauchte. Er bedeutet enger: Die Studie konnte für diese Empfehlungen keinen kausalen Übergang in eine politische Entscheidung belegen. Die Analyse verfolgt konkrete Politikvorschläge. Abstrakte Leitprinzipien und manche weiter entfernten Wirkungen lassen sich nicht so leicht einer einzelnen Entscheidung zuordnen.

Der Unterschied liegt auch im Auftrag

Frankreich war der einzige Fall mit substanzieller Wirkung: 48 Empfehlungen, ungefähr ein Drittel des dort untersuchten Bestands. Die Studie führt das auf ein Zusammenspiel zurück. Der Präsident gab der Versammlung eine Rolle der Mitgestaltung, stellte eine Weitergabe der Vorschläge ohne Filter in Aussicht und schuf damit politische Aufmerksamkeit. Öffentlicher Druck konnte an einen sichtbaren Entscheidungspfad anschließen.

Beim deutschen Bürgerrat Klima fehlten laut Studie eine institutionelle Verankerung und politische Trägerschaft. Die Initiative kam aus der Zivilgesellschaft und sollte kurz vor einer Bundestagswahl Impulse für den Koalitionsvertrag setzen. Der Unterschied ist nicht, dass die einen besser beraten hätten als die anderen. Der Weg von der Empfehlung zur zuständigen Stelle war unterschiedlich gebaut.

Das macht den Vergleich nicht zu einem Experiment. Es waren sechs Fälle mit verschiedenen Ländern, Mandaten, Zeitpunkten und politischen Verfahren. Die Forschenden wählten nur Versammlungen aus, deren Empfehlungen mindestens ein Jahr vor der Analyse vorlagen. Berlin kam auch deshalb in die Auswahl, weil ein Autor dort Vorwissen und Zugang zu Fachleuten hatte. Andere Bürgerräte und jüngere Prozesse fehlen. Die Studie sagt zudem nicht, welche Vorschläge zu den besten Klimazielen führen. Sie macht sichtbar, wie eine Empfehlung mit einer konkreten politischen Entscheidung verbunden werden kann.

Eine Antwort darf Nein sagen

Ein Bürgerrat ersetzt kein Parlament. Gewählte Abgeordnete bleiben für Gesetze und Haushalte verantwortlich. Eine ernsthafte Antwort muss deshalb nicht jede Empfehlung übernehmen. Aber sie sollte erkennbar machen, wer entschieden hat, was angenommen oder verändert wurde und warum etwas abgelehnt wurde. Für Vorschläge, die weiterverfolgt werden, braucht es eine öffentliche Auskunft über den Stand der Umsetzung.

Die OECD empfiehlt genau diese Rückkopplung: Eine zuständige öffentliche Stelle soll nach Abschluss öffentlich auf Empfehlungen antworten, Ablehnungen begründen und regelmäßig über angenommene Vorschläge berichten. Das ist eine Qualitätsregel für Beteiligungsverfahren, kein Versprechen automatischer Zustimmung. Sie verändert den Maßstab: Nicht nur die Beratungsstunden, auch die Zeit danach gehört zum Verfahren.

Eine knappe Antworttabelle könnte jede Empfehlung einer zuständigen Stelle, einer Entscheidung und einem nächsten Prüftermin zuordnen. Damit wäre auch ein Nein sichtbar. Es könnte sich auf Zuständigkeit, Kosten, Recht oder widersprechende Ziele stützen. Entscheidend wäre nicht, dass alle Vorschläge durchkommen, sondern dass sie nicht in einer Ablage verschwinden, ohne dass jemand öffentlich sagt, was daraus geworden ist.

Für den Bürgerrat von 2021 ist die Übergabe des Bürgergutachtens gut dokumentiert. Die Studie vom Oktober 2026 ordnet dessen politische Entscheidungswirkung im Vergleich zu fünf anderen Fällen ein. Sie belegt nicht jede denkbare gesellschaftliche Folge. Der vorsichtige Schluss ist trotzdem klar: Wer Menschen um gemeinsame Urteile bittet, sollte vorher bestimmen, wer danach antwortet. Erst dann lässt sich unterscheiden, ob ein Vorschlag nicht passte, noch geprüft wird oder tatsächlich etwas verändert hat.

Quellen

  • Aktueller Nachrichtenanlass: Amanda Machin, „The ambitions and limitations of climate assemblies“, Nature Climate Change, News & Views, 14. Oktober 2026.
  • Janosch Pfeffer, Hannah Einhauser, Johanna Hauke et al., „Citizens’ assemblies propose ambitious climate policy but impacts remain limited“, Nature Climate Change, Forschungsartikel, 14. Oktober 2026. Methode, Fallzahlen, Ambitionsskala und Wirkungsdefinition.
  • OECD, OECD Guidelines for Citizen Participation Processes, 2022, Abschnitte zu öffentlicher Antwort, begründeter Ablehnung, Fortschrittsinformation und Evaluation.
  • OECD, Innovative Citizen Participation and New Democratic Institutions: Catching the Deliberative Wave, 2020, Grundsätze zu Rechenschaft und Transparenz.
  • Bürgerrat Klima, Ergebnisse & Gutachten, 2021. Zusammensetzung, Zeitraum und Arbeit des deutschen Verfahrens.
  • Congress of Local and Regional Authorities, Council of Europe, Bericht zu deliberativen Verfahren und Beteiligung jenseits von Wahlen, 2022. Institutionelle Einordnung von Follow-up und Umsetzung.