Wer ein Wegzeichen benutzt, bedankt sich selten bei dessen Gestalter. Man findet den Ausgang, erreicht den Bahnsteig oder erkennt eine Sportart. Das Zeichen hat seine Aufgabe erfüllt. Der Name hinter ihm darf unbekannt bleiben.
Für ein Porträt ist das ein merkwürdiger Ausgangspunkt. Es handelt von einer Person, deren Arbeit erfolgreich sein kann, gerade weil sie die Person nicht in den Vordergrund rückt. Bei Otl Aicher wird diese Spannung besonders deutlich.
Aicher, 1922 geboren und 1991 gestorben, gehörte zu den Mitgründern der Hochschule für Gestaltung Ulm. Er arbeitete dort an visueller Kommunikation und entwickelte mit Mitarbeitern Erscheinungsbilder, unter anderem für Braun und Lufthansa. 1968 wurde er mit der Gestaltung für die Olympischen Spiele in München beauftragt. Diese knappen Eckdaten beschreiben keine einsame Erfindergeschichte. Sie verweisen auf Schulen, Teams und Auftraggeber.
Der SPIEGEL-Beitrag über Piktogramme erinnert an die Bildzeichen für München 1972. Für Weitruf ist daran die Frage interessant, wie ein System über seinen Anlass hinaus verständlich bleibt.
Eine Form braucht Nachbarn
Ein einzelnes Zeichen kann hübsch sein und im Verbund trotzdem versagen. Neben anderen Zeichen ändern sich seine Aufgaben. Es muss unterscheiden, was verschieden ist, und zusammenhalten, was zusammengehört. Die Information entsteht auch aus Abständen, Wiederholungen und dem Ort, an dem ein Zeichen auftaucht.
Das verlangt eine andere Art von Autorschaft als die auffällige Einzelgeste. Eine Regel muss die nächste Anwendung aushalten. Andere Menschen müssen sie benutzen können, ohne den Urheber jedes Mal um eine neue Entscheidung zu bitten. Erst dann kann die Gestaltung weit über den ersten Auftrag hinauswirken.
Dabei wird sie nicht voraussetzungslos. Ein einfaches Bild ist keine automatische Weltsprache. Seine Bedeutung hängt auch davon ab, was Menschen gelernt haben und wo sie es sehen. Die Arbeit des Übersetzens endet daher nicht, sobald Wörter durch Linien ersetzt sind. Man muss weiterhin prüfen, was die andere Seite erkennt.
Bei einem vertrauten Zeichen fällt diese Lernleistung kaum auf. Das ist sein Vorteil. Es kann aber auch verdecken, wie viel gemeinsame Erfahrung nötig ist. Wer Bekanntheit mit Verständnis verwechselt, übersieht bei Zeichen wie bei Namen schnell diese Voraussetzung.
Der Anteil anderer
An einem solchen Werkporträt gefällt die Versuchung zum Genie weniger als die Frage nach Arbeitsteilung. Wer entwirft? Wer ordnet? Wer führt aus? Wer wählt den Standort? Die sichtbare Form bündelt Entscheidungen, die nicht alle aus einer Hand kommen müssen.
Aichers Projekte entstanden auch in einer Entwicklungsgruppe. Für die Betrachtung seines Rufs ist diese Einordnung wesentlich. Ein bekannter Name hilft, ein Werk zu finden. Er darf die Beteiligten nicht aus der Entstehung entfernen.
Die Werkstatt hinter einer Reputation kann ein physischer Ort sein. Sie kann ebenso aus einer Schule, aus Entwurfsregeln und aus wiederholten Prüfungen bestehen. Gemeinsam ist ihnen, dass Ergebnisse an Bedingungen gebunden bleiben. Eine markante Form allein erzählt diese Bedingungen noch nicht.
Das gilt auch für ihre Weiterverwendung. Dass ein Entwurf leicht erkannt wird, macht ihn nicht frei verfügbar. Historische Gestaltung lässt sich betrachten und besprechen, ohne ihre konkreten Zeichen für eine neue Marke zu übernehmen. Lernen heißt hier, eine Arbeitsweise zu verstehen, nicht eine fremde Signatur an den eigenen Namen zu hängen.
Bekannt, aber im Hintergrund
Ein Gestalter kann einen Ruf besitzen, während ein großer Teil des Publikums seine Arbeit ohne diesen Namen benutzt. Für die unmittelbare Aufgabe ist das kein Mangel. Ein Wegzeichen soll Menschen an einen Ort bringen, nicht an eine Biografie erinnern.
Vielleicht ist das eine nützliche Grenze für die Frage nach Reichweite. Eine Gestaltung muss nicht ihren Urheber berühmt machen, um weit zu tragen. Sie kann einen gemeinsamen Handgriff vereinfachen, einen Weg öffnen oder eine wiederkehrende Unsicherheit beseitigen.
Auch die kleine Öffentlichkeit kennt solche Arbeit. Jemand erklärt einen Ablauf so gut, dass andere ihn selbst übernehmen können. Die Person steht später nicht mehr daneben. Der Zusammenhang, den sie hergestellt hat, bleibt brauchbar.
Aichers Werk lädt dazu ein, diese Art von Wirkung ernst zu nehmen. Man kann nach dem Namen fragen und zugleich auf das schauen, was auch ohne ihn funktioniert. Das ist für ein Porträt eine produktive Zumutung: Es sucht den Autor, ohne ihm jede sichtbare Wirkung allein zuzuschreiben.
